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Ungefähr ein Jahr nachdem Charly für immer eingeschlafen war, habe ich in der Zeitung Anzeigen angesehen, in denen Züchter ihre Hunde angeboten haben.

Ich war unschlüssig, weil ich nicht sicher wusste, ob ich tatsächlich wieder einen Hund zu mir nehmen wollte, und ob der richtige Zeitpunkt gekommen war.

Als ich die Anzeige eines Tierschutzvereins gelesen habe, in der nach Cocker-erfahrenen Menschen für einen 5 Monate alten Cocker aus Gran Canaria gesucht wurde, habe ich es für eine Art "Gottes-Urteil" gehalten und bin zu der "Auffangstation" des Vereins gefahren.

Lucky - so heisst der vor Temperament sprühende Orangeschimmel-Rüde - war von seiner Familie abgegeben worden, weil er angeblich gebissen hatte. Bei etwas Cockererfahrung sei es aber sicher kein Problem, mit diesem kleinen Kerl zurecht zu kommen.

Als ich Lucky besuchte, lief auf dem Hof zwischen einem Dutzend verschiedenster Hunde auch ein ganz seltsam aussehener kleiner, großer Hund herum. Er sah aus wie ein kurzbeiniger Schäferhund und stammte aus Griechenland. Dieser Hund sah mich, kam auf mich zu und blieb die ganze Zeit ganz ruhig neben mir.

Ich hatte nur Augen für Lucky und habe verabredet, dass ich überlegen und mich melden würde, wenn ich ihn bei mir aufnehmen möchte.
Ich habe mich dafür entschieden und als ich Lucky abholte, war da wieder dieser ungewöhnliche griechische Strandhund, der zu mir kam und neben mir blieb, obwohl auf dem Hof noch mehrere andere Menschen standen.

Ich frage mich heute, wie es für mich weitergegangen wäre, wenn ich mich für den kleinen großen Griechen entschieden hätte, der sich ganz offensichtlich mich als seinen neuen Menschen ausgesucht hatte.

Die ersten Wochen mit Lucky verliefen völlig problemlos, er war zuerst nicht stubenrein, lernte aber sehr schnell.
Ein temperamentvoller Hund, von dem ich eigentlich nur Fotos in wilder Bewegung oder im Sprung habe.

Nach ungefähr einem Monat, ich weiss nicht, ob es nur seine Entwicklung zu einem erwachsenen Hund war oder auch größeres Selbstbewusstsein nach anfänglicher Verunsicherung, kam es zu ersten Beißattacken.

Erst trat es auf wenn ich ihn bürsten wollte, dann streichelte ich ihn und er biß mir ohne Vorwarnung in die Hand.
Ich habe zu diesem Zeitpunkt Hilfe bei einer Tierärztin gesucht, die sich auf Verhaltenstherapie spezialisert hat.
In mehreren Einzelstunden vermittelte sie mir Verhaltensstrategien und leitete mich an, spezielle Übungen mit Lucky zu machen. Lucky lernte innerhalb kürzester Zeit die absurdesten und unsinnigsten Kunststücke und Tricks. Ich habe selten einen so cleveren und schnell lernenden Hund erlebt.
Er setzte sich oft neben mich, sah mich mit diesem Blick an, mit dem Hunde gucken, wenn sie gestreichelt werden wollen. Wenn ich dann aber meine Hand nach ihm ausstreckte, biß er zu. Es war traurig, ein Hund der offensichtlich große Nähe sucht, aber sie dann - aus welchen Gründen auch immer - nicht ertragen konnte.

Neun Monate habe ich mit Lucky gelebt, die meiste Zeit in Angst.


Schon früh hatte ich Kontakt zu dem Verein aufgenommen und um Hilfe gebeten. Leider wurde ich mit der Empfehlung, Pfefferspray zu benutzen und meinem bissigen Lucky allein gelassen.

Ich hatte, wie es bei Tierschutzvereinen üblich ist, einen Vertrag unterschrieben, dass ich Lucky an den Verein zurückgeben müsste, wenn ich ihn nicht halten könnte.

Meine Situation wurde immer verzweifelter und Lucky wusste schon lange, dass ich Angst vor ihm hatte. Manchmal kam es mir vor, als wenn sich zwei ganz unsichere Wesen gegenseitig "belauern", nur... dass Lucky die größeren Zähne hatte und sie auch gebrauchte.

Irgendwann erklärten mir dann meine Freunde und meine Familie, dass keiner mehr bereit und mutig genug wäre, um Lucky im Notfall zu beaufsichtigen. Ich habe mich schließlich an den Tierschutzverein gewandt und darum gebeten, Lucky zurück zu nehmen.
Als von den "Tierschützern" zuerst keinerlei Bereitschaft gezeigt wurde, habe ich ziemlich hart die Rücknahme gefordert und damit argumentiert, dass dieser Schutzvertrag doch wohl keine einseitige Sache sein könnte.






















Am Tag als ich Lucky zurück bringen wollte, hat er sich morgens bei meinem Bruder auf "seine" Art verabschiedet... mein Bruder musste eine böse Bissverletzung am Handgelenk im Krankenhaus behandeln lassen.

Ich weiss nicht, ob ich ohne diese letzte Attacke nicht doch noch andere Lösungen versucht hätte, es ist mir sehr schwer gefallen, mich wieder von Lucky zu trennen.

Weil ich nach der Beißerei große Angst hatte, Lucky selber zu dem Verein zu fahren, habe ich gebeten, ihn abzuholen.
Als sie mit Lucky weggefahren sind, hatte ich ein so trauriges Gefühl wie selten in meinem Leben. Ich hatte nicht nur Angst vor diesem kleinen Kerl, ich habe ihn auch irgendwie gemocht, es war auch Mitleid dabei, und vor allem war es für mich die ganz schlimme Erfahrung, versagt zu haben.

Jahre später als ich einen Internetanschluss bekommen habe, bin ich Lucky auf die Spur gekommen. Zwei Monate war er in der Auffangstation und ist dann von seiner jetzigen Familie abgeholt worden. Ich habe zu der Familie Kontakt aufgenommen, es gab auch ein Treffen und ein Wiedersehen mit Lucky.
Ich weiss nicht, ob er mich erkannt hat, ich habe ihn nur kurz gesehen und sofort war bei mir die alte Angst wieder da.

Auch Luckys neue Menschen haben viel versucht, aber es nicht geschafft, ihm das Beißen abzugewöhnen. Im Gegensatz zu mir, können sie das Leben mit Lucky trotzdem managen. Ich weiss nicht, ob Lucky es irgendwann schafft, die Nähe, die er zweifellos zu Menschen sucht, dann auch freudig anzunehmen.