Wenn man anfängt, sich mit dem "Thema Hund" zu beschäftigen und ein allgemeines Hundebuch liest, wird man schnell auf diese und jene Verhaltensweisen hingewiesen, die der Autor als ein "dominantes Verhalten" des Hundes ansieht. Neben verschiedenen Signalen in der Körpersprache, die ein aufmerksamer Mensch bei allen Hundebegegnungen beobachten kann, und durch die Hunde beim Kennenlernen oder "sich-wieder-Treffen" unter anderem Informationen über ihren Sozialstatus austauschen, werden hier oft auch Beispiele genannt, bei denen ein Verhalten als Ausdruck der Dominanz interpretiert wird, das auch etwas ganz anderes bedeuten könnte oder einfach nur zufällig geschieht.
Da die meisten Hundebücher (noch :-)) für Menschen mit einem Hund geschrieben sind, wird zuerst dominantes Verhalten des Hundes gegenüber dem Menschen thematisiert.
Sicher wird es Hundepersönlichkeiten geben, die versuchen, ihre Menschen zu "beherrschen": Manche in ganz harmlosen Situationen und subtil, dass es den Menschen eher amüsiert und er lächelnd die kleinen Macken seines Hundes toleriert... sie vielleicht sogar ganz besonders liebt. Manche aber auch auf eine Weise, die ganz klarer Erziehung und Zeichen bedarf, weil es durch aggressives Verhalten des Hundes zu einer Gefährdung des "unterlegenen" Menschen kommen könnte.
Aber... und das schreibe ich als Hundefreund und Laie, die allermeisten Hunde leben gern und zufrieden und friedlich an der Seite ihrer Menschen und verfolgen nicht Zeit ihres Lebens nur das eine Ziel, irgendwann als Hunde die Weltherrschaft über die Menschen zu erlangen.
Ein "höher gestelltes" Individuum hat gegenüber den anderen Mitgliedern seiner Gruppe bestimmte Vorrechte, ihnen steht in verschiedenen Situationen der Vortritt zu, sie haben zum Beispiel das Recht, sich den Liegeplatz zu wählen und auch körperliche Nähe oder Berührung zu dulden oder sich zu verbitten. Dazu gehört auch, Beginn und Ende einer sozialen Interaktion zu bestimmen.
Vielfach werden dem Hundehalter Verhaltensweisen empfohlen, wie er dem Hund durch bewusste Inanspruchnahme dieser Vorrechte immer und immer wieder seine Überlegenheit beweisen kann, um in der Hierarchie seine Führungsposition zu bewahren. Dazu gehören: Ein Hund darf nie auf der gleichen Höhe wie der Mensch sitzen oder liegen. (Schon gar nicht das Bett mit ihm teilen.) Ein Hund bekommt grundsätzlich erst seine Mahlzeit, nachdem der Mensch gegessen hat. Ein Hund darf nie vor dem Menschen durch die Tür gehen. Ein Hund bekommt sein Spielzeug nicht zur freien Verfügung, es wird ihm vom Menschen zugeteilt. Ein Hund bestimmt nicht, wann ein Spiel beginnt und wann es endet, dieses Vorrecht hat nur der Mensch. Ein Hund muss warten bis sein Herr von selber auf die Idee kommt, ihn zu streicheln.
Diese Regeln lassen sich endlos fortsetzen.
Aber... sollte ich meinen Jungs verbieten, auf dem Sofa zu liegen, nur weil irgendein anderer Hund vielleicht auf die Idee kommen könnte, seinen Sitzplatz gegen den Menschen durch Knurren zu verteidigen?
Natürlich muss jeder Hundehalter aufpassen, dass der kleine Hundezwerg, den Menschen auch noch auf das Sofa lässt und sich freiwillig zur Seite legt, wenn sein Mensch sich setzen möchte.
Genauso wäre nur eine Gefahr wie zum Beispiel eine dicht befahrene Straße ein Grund, dass ich vor meinen Jungs durch die Haustür gehen möchte.
Wenn die Jungs mich zu einem Spiel animieren oder mich zu einer Schmusestunde auffordern, dann freue ich mich meist und gehe gerne darauf ein, weil es mir Spaß macht und ich mir nichts "vergebe", ihnen diesen Wunsch zu erfüllen.
Ich glaube nicht, dass ich in ihren Augen dadurch an Autorität verliere,sie werden mich immer noch genügend respektieren, um auch zu akzeptieren, wenn ich mal nicht auf ihren Wunsch eingehe.
Ich gebe auch zu, dass mir das Essen besser schmeckt, wenn mir nicht vier traurige und hungrige Hundeaugen jeden Bissen in den Mund zählen.
Sicher wird es Hunde geben, bei denen man auf einige dieser Dinge immer und besonders achten muss, bei meinen Jungs ist es nicht so!
Sie lassen mir die Freiheit, mit gesundem Menschenverstand und auch aus dem Bauch und dem Gefühl heraus zu leben und nicht immer Erziehungstheorien im Hinterkopf zu haben.
Ich denke, dass die meisten Hunde sehr gut beurteilen können, ob ein Mensch "das Ruder in der Hand" hat und ob die "allgemeine Linie" stimmt.
Wenn sie ihrem Menschen vertrauen, werden sie sich darauf einlassen, dass der Mensch in manchen Momenten "Gehorsam" einfordert und zu anderen Zeiten aus seiner Führungsposition heraus die Souveränität besitzt, ihnen ohne Autoritätsverlust Vorrechte "auszuleihen".
Kleine Schwächen werden Hunde ihren Menschen sowieso nachsehen ohne gleich jeden Respekt vor ihnen zu verlieren. Ich denke, Hunde sind in ihrem Sozialverhalten viel sensibler als wir es oft denken und schlau genug, dass es auch Vorteile mit sich bringt, nicht immer "der Boss" sein zu müssen.