Der Cavalier-King-Charles-Spaniel

Traumhund und Sorgenkind zugleich

-Über Ängste und Sorgen der Cavalierliebhaber-

Mein Textbeitrag für den Petwatch Blog*

Hector

Der Cavalier - ein Traumhund

Vor gut 20 Jahren suchten meine Eltern nach einem kleinen und leicht zu führenden Hund und mit Hector ist der erste Cavalier bei ihnen eingezogen. Hector war ein Blenheim- Rüde, der mit seinem typischen Cavalier-Charme die gesamte Familie so verzaubert hat, dass wir alle uns seitdem ein Leben ohne Cavalier nicht mehr vorstellen können, obwohl seit ich denken kann Cocker unsere Familienhunde waren.

Heute lebt Rap, ein Blenheim, bei meiner Mutter und bei mir sind es gleich zwei Cavalier-Jungs, der Tricolour Jasper und der Black and Tan Ceddy. Unsere Cavaliere sind einfach Traumhunde, sie gehören zur Familie und bereichern unser Leben.
 
Die Freundlichkeit und Sanftheit der Cavaliere ist sprichwörtlich, sie sind wirklich so, jede Aggression und andere Verhaltensauffälligkeiten sind absolut untypisch für sie.
Kleine freundliche Hunde, wie geschaffen um auch in heutiger Zeit unser Leben auf dem Land und in der Stadt zu begleiten. Verträglich mit Mensch und Tier, sensibel, fröhlich und leicht zu erziehen, machen sie ihrem Namen alle Ehre.

Jeder Cavalierliebhaber möchte – wenn er überhaupt einen Hund "halten" kann – immer wieder sein Leben mit einem Cavalier teilen.

Leider treten beim Cavalier mehrere schwere Erbkrankheiten auf, die dem Cavalierfreund Ängste und Sorgen bereiten und viele nachdenken lassen, ob die Feststellung:
"Einmal Cavalier – Immer Cavalier!" auch weiterhin uneingeschränkt gelten kann.

Der Cavalier - ein Sorgenkind

Etwas zur Geschichte der Rasse

Obwohl wir die kleinen bunten Spaniels schon von Gemälden aus dem 16. Jahrhundert kennen, sind unsere heutigen Cavaliere eigentlich eine viel jüngere Rasse, noch nicht einmal 100 Jahre alt.
Das Aussehen der "früheren Cavaliere" hatte sich im Laufe der Jahrhunderte durch die Einzüchtung von Möpsen und anderen kurznasigen Hunden stark verändert.
 
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde durch das von einem reichen amerikanischen Züchter ausgerufene Preisgeld Interesse daran geweckt, eine Rückzüchtung dieses alten Spaniel-Typs zu erreichen.
Mitte der 1920er Jahre wurde der Rassestandard nach dem Bild des berühmten Cavaliers "Ann's son" formuliert und in den 1940er Jahren wurde schließlich der erste Cavalier-King-Charles-Spaniel beim Kennel Club eingetragen.
Anders als andere Hunderassen, die aus einer längeren Entwicklung heraus entstanden sind, stammen unsere heutigen Cavaliere also von sehr wenigen Hunden ab.
 
Die schnell angestrebte Anerkennung als eigenständige Rasse, schließlich wollte man die Hunde auch auf Ausstellungen zeigen, begrenzte den Genpool sehr früh. Durch die Jahre des 2. Weltkriegs, in denen nur noch wenige Hunde zur Zucht eingesetzt wurden, verstärkte sich die "enge Zucht" in den frühen Jahren unserer Cavalier-Rasse zusätzlich.

Erbkrankheiten

In Veröffentlichungen über die Syringomyelie - wie auch in der Dissertation von Dr. C. Rusbridge - ist zu lesen, dass sich die Abstammung aller in einer Studie erfassten SM-kranken Hunde auf eine in den 1950er Jahren geborene Hündin und die Welpen ihres einzigen Wurfs zurückverfolgen lässt http://igitur-archive.library.uu.nl/dissertations/2007-0320-201201/full.pdf (S. 149).
 
Dies verdeutlicht, wie Erbkrankheiten, unter denen unsere heutigen Hunde leiden, vor Jahrzehnten ihren Ursprung finden und wie die Anlagen im Laufe der Jahre weit in die Population getragen werden.

Dr. C. Rusbridge spricht in ihrer Dissertation (link s.o., S. 167) auch darüber, dass Hunde einiger herzgesunder und "langlebiger" Linien besonders oft in der Zucht eingesetzt wurden. Züchter, die mit dem Zuchteinsatz ihrer gesunden Hunde Gutes erreichen wollten, haben dadurch ungewollt und unbewusst dazu beigetragen, dass die SM-Anlagen, die ihre Hunde neben den gesunden Herzen leider auch in sich trugen, weit unter den Cavalieren verbreitet wurden.

Als Cavalierfreundin freue ich mich immer, wenn ich das Bild eines Cavaliers in einem Buch oder in einer Zeitschrift entdecke.
Das Gesicht eines Cavaliers auf dem Titelbild eines Buches, in dem es um typische Erbkrankheiten bei Hunden und Katzen geht, macht mich aber traurig. http://www.amazon.de/gp/product/1405180781/ref=pd_lpo_k2_dp_sr_1?.

Diese kleinen Hunde und ihre Menschen haben es nicht verdient, dass bei 50% der fünfjährigen Cavaliere (http://cavalierhealth.org/mitral_valve_disease.htm , "in Depth") und bei über 70% der sechs und mehr Jahre alten Cavaliere Untersuchungen den Befund MVD bzw. SM ergeben! (http://veterinaryrecord.bmj.com/content/early/2011/06/12/vr.d1726.abstract).

Dies sind nur zwei von einigen Krankheiten, die der Cavalier von seinen Vorfahren erben kann, sie stellen jedoch heute wegen ihrer Schwere und leider auch wegen ihrer Verbreitung innerhalb der Rasse die gravierendsten Gesundheitsprobleme des Cavaliers dar.

Jasper


Krankheitsbilder

Neben Krankheiten wie z. B. der Patellaluxation oder der Hüftgelenksdysplasie, von denen alle Hunderassen betroffen sein können, kommen beim Cavalier weitere "rassetypische" Krankheiten vor.

Sei es der in einigen Linien auftretende fortschreitende Hörverlust, bei dem die Hunde nur in ihrer frühen Jugend "richtig gut" hören, die Hörfähigkeit sich aber schnell – vermutlich durch eine Degeneration der Hörnerven – verschlechtert, bis die Hunde im Alter von 3 bis 5 Jahren vollständig taub sind http://www.cavalierhealth.org/deafness.htm#Veterinary_Neuroanatomy.
Auch bei seltenen Krankheitsbildern wie z. B. dem Eosinophilen Granulom werden Cavaliere als eine von wenigen betroffenen Rassen genannt http://www.vetcontact.com/de/art.php?a=2247. Hier die Beschreibung einiger Krankheiten, die besonders große Sorgen bereiten:

Episodic Falling Syndrome (EFS)

Bei EFS handelt es sich um eine Erkrankung, die bisher nur beim Cavalier beobachtet wurde. Laut Aussagen von Prof. Penderis (Universität Glasgow) kommt sie relativ häufig vor, wenn auch zum Glück eher selten dramatische Symptome beobachtet werden. Weil leichte Symptome übersehen oder als Epilepsie gedeutet werden, wird die Verbreitung von EFS innerhalb der Population eher unterschätzt.

Die Krankheit äußert sich durch vorübergehend ("episodisch") auftretende   Bewegungsstörungen. Der Bewegungsablauf kann beim Gehen "einfrieren", der Hund ist unfähig, die Füße voreinander zu setzen, dabei hält er den Kopf gesenkt oder zu einer Seite gedreht. Ein anderes Symptom ist das Umfallen (Falling) des Hundes begleitet von Krämpfen der Gliedmaßen. Der Hund ist während eines solchen Anfalls nicht in der Lage, seine Bewegungen zu kontrollieren bzw. bewusst zu steuern. Es können auch Krämpfe der Gesichtsmuskulatur auftreten, die auf den Beobachter ganz besonders beängstigend wirken.

Im Internet finden sich sehr traurige Videos, die ganz junge Cavaliere mit akuten Anfällen zeigen. Anders als bei epileptischen Anfällen, mit denen die Symptome mitunter verwechselt werden (können), ist der Hund während der "Episode" bei vollem Bewusstsein und nimmt seine Umwelt wahr http://www.youtube.com/watch?v=s3fQtElVxUo&feature=related. Deshalb ist es besonders wichtig, sich die eigene Aufregung in diesem Moment nicht anmerken zu lassen und beruhigend auf den Hund einzuwirken.

Je nach Schwere und Dauer des Anfalls ist der Hund danach sofort wieder völlig "normal", kann aber auch ermüdet sein und ein ausgesprochenes Ruhebedürfnis zeigen.

Es ist nicht bekannt, ob Hunde während eines Anfalls oder in den "Zwischenintervallen" Schmerzen empfinden http://www.youtube.com/watch?v=ZfVfLrwb-Ds&feature=related.
Seit 2011 ist ein Gentest verfügbar, die Krankheit wird durch ein Gen rezessiv vererbt. Mit dem Gentest kann verhindert werden, dass zwei Anlagenträger miteinander verpaart werden. Damit wird - wenn denn alle Züchter den Gentest einsetzen und ihre Zucht danach planen! - verhindert, dass zukünftig Welpen geboren werden, die an dieser Erbkrankheit leiden.

Halter betroffener Cavaliere möchte ich an dieser Stelle auf das EFS-Infoportal hinweisen.
Hier finden sie neben Informationen zur Behandlung auch Kontaktmöglichkeiten für direkte Hilfestellung und Beratung http://cavalierepisodicfalling.com/first.html.

Curly Coat Drye Eye (CCDE)/ Rough Coat Syndrome
(Congenital Keratoconjunctivitis Sicca und Ichthyosiform Dermatosis)

Die betroffenen Hunde bilden keine Tränenflüssigkeit und leiden darum unter schweren und extrem schmerzhaften Entzündungen von Bindehaut und Hornhaut sowie – als Folge – an Hornhautgeschwüren.

Ihre Haut ist extrem trocken und schuppig, es treten Entzündungen auf. Besonders bei stark betroffenen Pfoten können die Hunde vor Schmerzen weder stehen noch gehen. Das Fell fühlt sich rauh und ölig an. Eine lockige Fellveränderung und Augenprobleme betroffener Hunde sind bereits in Welpentagen offensichtlich.

Leider kann weder durch eine ständige Versorgung mit Augenmedikamenten noch durch tägliche Hautbehandlung mit medizinischen Bädern und Salben für die betroffenen Hunde eine Schmerzfreiheit erreicht werden.
Deshalb sehen sich Halter bei dieser schweren Erkrankung meist früh vor die traurige Entscheidung gestellt, ihren Hund von seinen Leiden erlösen zu lassen  http://www.cavaliercampaign.com/#/otherhealth-issues-page2/4547905633.

Das gemeinsame Auftreten von Augen- und Hauterkrankung ist in dieser Form nur bei Cavalieren bekannt.
Auch für diese Erbkrankheit ist seit 2011 ein Gentest verfügbar.
 
Mitral-Valve-Disease (MVD)

Im Oktober 2010 habe ich in einen ausführlichen Aufsatz über die Herzkrankheit MVD verfasst  http://petwatch.blogspot.com/2010/11/cavaliere-haben-sehr-viel-herz.html.
 
Die Forschungen werden mit großem Aufwand weiter betrieben. Auf der Seite von Rod Russel wird über neue Studien berichtet http://www.cavalierhealth.org/mitral_valve_disease.htm.
 
Diese beziehen sich zum einen auf diagnostische Verfahren wie etwa auf den Einsatz von Röntgenuntersuchungen, den Nutzen spezieller Doppler-"Protokolle" oder Herz-MRT-Untersuchungen und zum anderen natürlich auch auf Tests der Wirksamkeit verschiedener Medikamente.

Die Frage, wie eine Prognose für den Verlauf der Erkrankung gegeben werden könnte, ist auch heute nicht geklärt. Immerhin ist bekannt, dass es eine "bösartige" und schnell fortschreitende Form gibt und andererseits eine Variante, bei der ein weniger dramatischer und besser therapierbarer Verlauf zu erwarten ist.

Der genaue Erbgang ist noch nicht bekannt, so konnten auch Hoffnungen auf die Entwicklung eines DNA Testes bisher nicht erfüllt werden.

Ceddy


Syringomyelie (SM) und Chiari-like malformation (CM)

Bei der Syringomyelie (SM) handelt es sich um eine neurologische Erkrankung. Diese Erkrankung kann bei Menschen und verschiedenen Tierarten auftreten. Bei Hunden sind vornehmlich die Rassen Brüsseler Zwerggriffon und Cavalier-King-Charles-Spaniel betroffen.
Als Folge einer Störung der freien Zirkulation der Hirnflüssigkeit (Liquor) kann es im Rückenmarkskanal zur Ausbildung einer Art "Zyste" (Syrinx) kommen.

Je nach Lage, Symmetrie und Ausdehnung dieser Syrinx treten keine, "nur geringe" oder massive Symptome auf.
Beispielhaft kann als ein Symptom unter vielen das von Videos bekannte sog. "Phantomkratzen" genannt werden. Ein Kratzen, das vorwiegend auf die betroffene Körperseite im Nacken-Schulterbereich gerichtet ist. Eine Besonderheit besteht darin, dass zwar eine Kratzbewegung ausgeführt, der Körper dabei aber kaum oder gar nicht berührt wird. Diese Bewegung kann von stärksten Schmerzäußerungen begleitet sein. Traurig ist die häufig zu lesende Feststellung, dass betroffene Hunde offensichtlich versuchen, ihre Schmerzen weg zu kratzen. Menschen die an dieser Krankheit leiden, beschreiben diesen Schmerz als unerträglich. Dass dies bei klinisch schwer betroffenen Hunden zutrifft, weiß jeder, der die grauenvollen Schmerzschreie bei den Videos gehört hat.

Es ist noch nicht ausreichend erforscht, in welchen Fällen es bei einem SM-betroffenen Hund zu einem Auftreten und ggf. auch zu einer Zunahme der klinischen Symptomatik kommt. Bekannt ist, dass es sich bei der Syringomyelie um eine spät einsetzende und fortschreitende Erkrankung handelt.

Verbreitung SM

Forschungen haben ergeben, dass der Anteil betroffener Hunde in jüngerem Alter deutlich unter dem bei älteren Hunden liegt. Im Juni 2011 berichtete Dr. C. Rusbridge über eine Studie http://veterinaryrecord.bmj.com/content/early/2011/06/12/vr.d1726.abstract, bei der in den Jahren 2004 bis 2010 in England und in Holland 555 Cavaliere, die alle keine(!) klinischen SM-Symptome zeigten, mit MRT untersucht wurden.
Neben der Frage, wie viele Hunde an Syringomyelie erkrankt sind, ging es darum, ob bei Betroffenen ein Einfluss von Alter und Geschlecht zu erkennen ist.

Das Geschlecht hatte keine erkennbare Bedeutung, wohl aber das Lebensalter der Hunde.
Die Untersuchungen der asymptomatischen(!) Cavaliere ergab bei 25% der einjährigen Hunde die Diagnose SM.
Der Anteil der betroffenen Cavaliere stieg mit zunehmendem Alter und lag schließlich bei den sechs und mehr Jahre alten Hunden bei 70%, danach tritt SM bei unseren Cavalieren häufiger auf als MVD.

Da Hunde mit klinischen Symptomen von dieser Studie ausgenommen worden waren, ist die Verbreitung der  Erkrankung insgesamt sogar noch höher anzusetzen, kommentiert Dr. C. Rusbridge die schlimmen Ergebnisse.

Spezialisten fordern wegen des höheren Anteils betroffener Hunde bei zunehmendem Alter, dass die für Zuchthunde als unverzichtbar angesehene MRT-Untersuchung (derzeit einzige sichere Diagnosemöglichkeit) mit ca. 2,5 Jahren erfolgen und in einem höheren Lebensalter wiederholt werden soll.

Wenn auf den Seiten der deutschen Cavalierclubs von 1% bzw. von 3% bis 5% betroffenen Cavalieren gesprochen wird, dürfte es sich um Schätzungen der Vereine zu symptomatisch(!) betroffenen Hunde handeln, die auf den bei den Vereinen eingehenden Rückmeldungen von Haltern/Züchtern symptomatisch SM-erkrankter Cavaliere basieren.

Die Chiari-like malformation (CM) ist eine anatomische Veränderung, bei der durch eine Verkürzung eines hinteren Schädelknochens ein Missverhältnis zwischen dem Raum des knöchernen Schädels und der Größe des Gehirns entsteht. Diese anatomische Besonderheit besteht bei über 90% aller Cavaliere.
Die Malformation kann dazu führen, dass das Hinterhauptsloch (Foramen Magnum) durch hintere Hirnanteile blockiert wird und damit ein Hindernis für die Zirkulation des Liquors entsteht. Dr. C. Rusbridge brachte in der BBC-Dokumentation PDE den erschreckenden Vergleich, dass ein Fuß in einen zu kleinen Schuh gepresst wird http://www.youtube.com/watch?v=-qPLDMSPRXA.
Während Spezialisten lange davon ausgingen, dass CM "alleine" keine Symptome verursacht, sind in englischen Foren, in denen Halter betroffener Hunde schreiben, Berichte zu lesen, nach denen auch bei "SM-frei"-gescannten Hunden mit CM eine Schmerzsymptomatik besteht.

Anfang Dezember 2011 berichtet Rod Russel auf seiner Cavalierhealth-Seite, dass britische Forscher bei der Untersuchung von 42 klinisch auffälligen Cavalieren festgestellt haben, dass bei 25% keine SM – wohl aber CM nachweisbar war, CM "alleine" also auch Schmerzen zur Folge haben kann http://www.cavalierhealth.org/syringomyelia.htm. Derzeit sind den Forschern keine sicheren Aussagen darüber möglich, unter welchen Bedingungen die CM zur Ausbildung einer Syrinx führt.

Verbreitung CM

International wird von einer Verbreitung der CM beim Cavalier ausgegangen, die um 95% liegt. In Übereinstimmung hiermit haben auch Untersuchungen in Deutschland ergeben, dass fast alle Cavaliere eine CM aufweisen. So stellt Dr. Biel in ihrer Dissertation fest (S. 103) http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2009/7043/pdf/BielMiriam_2009_06_04.pdf, dass bei den 42 von ihr untersuchten Cavalieren alle(!) eine Veränderung der Schädelhöhle zeigen. Da eine Veränderung in dieser Form bei keiner anderen Hunderasse auftrete, könne fast von einem "Rassestandard" gesprochen werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Kynologische Forschung kündigt derzeit auf ihrer Internetseite http://www.gkf-bonn.de/index.php/startseite.html ein aktuelles Forschungsprojekt zur "Bestimmung der Prävalenz der Chiara-ähnlichen Malformation beim Cavalier King Charles Spaniel in der Bundesrepublik Deutschland" von Dr. Schmidt in Gießen an.
Es bleibt die vage Hoffnung, dass sich andere Zahlen als in der Doktorarbeit von Miriam Biel aus dem Jahre 2009 ergeben und als es internationale Studien befürchten lassen.

Primär sekretorische Otitis media (PSOM)

Bei dieser Erkrankung entsteht im Mittelohr ein zähflüssiger Schleimpfropf, der das Trommelfell vorwölbt http://vet.osu.edu/assets/pdf/hospital/companionAnimals/cavalierKingCharlesSpaniel.pdf.
Die Ursache besteht in einer unzureichenden Belüftung dieses Bereichs durch eine Verlegung der eustachischen Röhre.

Die möglichen Symptome sind vielfältig. Es kann eine Gesichtslähmung auftreten, der Kopf kann schief gehalten werden, die Hörfähigkeit kann eingeschränkt sein. Kopf und Nackenbereich können extrem schmerzempfindlich sein. Ebenso wird ein heftiges und von Schmerzäußerungen begleitetes Kratzen an Ohren, Kopf und Nacken beobachtet, was teilweise mit SM-Symptomen zu verwechseln sein kann. Gangstörungen werden beschrieben und das Auftreten von Krampfanfällen.

Die Diagnose kann über CT- und MRT-Untersuchungen gestellt werden.
Als Therapie ist eine OP (Inzision des Trommelfells) mit Ausspülung des Pfropfes und Antibiotika-Gabe möglich. Das Risiko, dass erneut ein solcher Pfropf entsteht, ist gegeben, da mit der OP zwar die Ursache der Beschwerden beseitigt, nicht aber die Entstehung eines Schleimpfropfes verhindert wird. Mit weiteren, aufwändigeren OP-Verfahren wird versucht, einen "Rückfall" auszuschließen.

Chronische Schmerzen beim Hund

Aus der Human-Medizin ist bekannt, dass es ein Schmerzgedächtnis gibt und chronisch kranke Menschen mit "Dauerschmerz" im Rahmen einer Schmerztherapie speziell behandelt werden müssen.

Wie sieht es bei Hunden aus? In einem DogWorld online Artikel: http://www.dogworld.co.uk/News/25-Measure ist zu lesen, dass im Rahmen eines Doktoranden-Stipendiums ein dreijähriges Forschungsprojekt an der Universität in Bristol gestartet ist, bei dem untersucht werden soll, wie chronische Schmerzen festgestellt, objektiv "gemessen" und behandelt werden können, um dadurch die Lebensqualität zu verbessern und auch um ggf. ein schmerzbedingt verändertes Verhalten positiv zu beeinflussen.

Die Frage nach einer "Messbareit" von Schmerzen beschäftigt besorgte Hundehalter, die ihre Hunde beobachten und nie wirklich sicher sein können, ob ihr schmerzfrei erscheinender Hund nicht doch Schmerz empfindet.
Wir wissen, dass Hunde sich oft nichts "anmerken" lassen oder nur ganz subtile Schmerzzeichen zeigen. Selten sieht man einem Hund seine Schmerzen wohl so an wie der 3-jährigen SM-kranken Molly, die im Blog von Jemima Harrison (PDE) abgebildet ist
http://pedigreedogsexposed.blogspot.com/2011/08/cavaliers-agony-and-agony.html.

Irgendwie macht es traurig, dass zu der Studie in Bristol neben Hunden mit Arthrose auch SM-kranke Hunde herangezogen werden, wobei die Ergebnisse auf andere Erkrankungen mit ausgeprägten chronischen Schmerzzuständen übertragbar sein sollen.

Rap


Die aktuelle Situation

Einige "nur-Hundefreunde" und auch Züchter wenden sich von den Cavalieren ab, in den Niederlanden versucht eine Tierrechtsorganisation notfalls per Gerichtsbeschluss ein gesetzliches Zuchtverbot von Cavalieren zu erstreiten.

In erschreckender Deutlichkeit stellen die "Tierrechtler" die katastrophale gesundheitliche Situation der Cavaliere dar http://dierenrecht.org/fileadmin/documenten/Definitief_rapport_CKCS.pdf. Wer in diesem "Rapport" eine Schrift erwartet, die leicht als reißerisch und ohne Substanz abgetan werden kann, wird entsetzt darüber sein, dass diese Beschreibungen auf internationalen wissenschaftlichen Studien beruhen und darum natürlich auch umso niederziehender auf den Leser und Cavalierliebhaber wirken.

Die Tierrechtsorganisation zitiert aus dem og. "Rapport" und nennt zum Auftreten der verschiedenen Erbkrankheiten beim Cavalier folgende Zahlen http://www.dierenrecht.nl/los-bericht/?no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=758&cHash=d949ddc897c555803a676d2c434921bb :

95%          der Hunde haben eine Chiari-like Malformation (CM)
50%          sind klinisch auffällig an CM/SM erkrankt
40%          haben ein Herzgeräusch (100% mit 10 Jahren)
20-30%     haben chronische Kniebeschwerden (Patella Luxation)
30%          leiden an einer chronischen Augenkrankheit
40%          leiden an einer Ohrkrankheit (PSOM)
10%         (mindestens) haben Hüftgelenksdysplasie

Dr. C. Rusbridge verdeutlicht im Februar 2011 in einem "offenen Brief", den sie zur Unterstützung der Niederländischen Cavalierzüchter verfasst hat  http://www.veterinaryneurologist.co.uk/docs/letter%20animal%20foundation%20_netherlands.pdf, dass noch sehr viel bei der Forschung ungeklärt sei. Sie betont, dass im Gegensatz zu einigen anderen Hunderassen die Probleme des Cavaliers nicht auf Standard oder Aussehen zurück zu führen seien.

Sie stellt das aktuelle Zuchtprotokoll vor und erklärt, dass der Fortgang der Forschungen - eventuell auch die Entwicklung eines DNA Testes - vor weitergehenden Entscheidungen abgewartet werden müssten.
Nur wenn sich der traurige Beweis ergeben würde, dass eine zu enge Verbindung von SM und der bei (fast) allen Cavalieren vorhandenen CM bestehe und deshalb kein "Wegzüchten" möglich sei, müsse über "drastischere" Maßnahmen, eventuell sogar die Einführung neuer DNA durch eine andere Rasse nachgedacht werden.


Was kann getan werden?

Als wesentlichste Zuchtmaßnahme sehen die Spezialisten sowohl bei MVD als auch bei SM die Durchführung eingehender Gesundheitsuntersuchungen der Zuchthunde an http://www.ccd-cavaliere.de/zucht-SMinterv.html.

Es sollen nicht nur die Untersuchungsergebnisse der Zuchthunde selber, sondern auch die ihrer Eltern berücksichtigt werden.
Anhand der Ergebnisse sollen möglichst risikoarme Verpaarungen geplant werden. Das Ziel aller "Zuchtprotokolle" der Spezialisten besteht derzeit bei MVD und SM darin, zumindest das Erkrankungsalter nach oben zu verschieben. Hierfür wird auch ein möglichst hohes Mindestalter für den Zuchteinsatz gefordert.

Wegen des noch ungeklärten Erbgangs und auch wegen der großen Zahl der Anlagenträger innerhalb der Gesamtpopulation erscheint das Ziel eines kompletten und raschen "Wegzüchtens" bei beiden Erbkrankheiten offensichtlich zu ehrgeizig und unrealistisch.

Die Formulierung "risikoarme Verpaarung" wird gebraucht, weil leider auch gesunde Zuchthunde erkrankten Nachwuchs haben können. Solange der genaue Erbgang nicht geklärt und auch kein DNA-Test verfügbar ist, können nur durch eine Kombination aus dem Züchterwissen über Gesundheit und "Langlebigkeit" ihrer Hunde und den Ergebnissen aller verfügbaren Untersuchungen http://tierneurologie-berlin.de/app/download/5783741113/Klassifikation+CKCS+Deutschland+2012.pdf Verpaarungen  geplant werden, bei denen das Risiko einer Erkrankung für die Nachkommen möglichst gering ist http://tierneurologie-berlin.de/app/download/4442180302/Vetimpulse+01032011+CMSM+MRI+scheme.pdf.

Im Oktober 2011 hat Dr. C. Rusbridge erste Auswertungen veröffentlicht, mit denen dokumentiert ist, dass Verpaarungen auf der Grundlage der Empfehlungen die Sicherheit für SM-freien Nachwuchs erhöhen http://clarerusbridge-news.blogspot.com/2011/10/effectiveness-of-breeding-guidelines.html.
Die Auswertungen beziehen sich auf den Brüsseler Zwerggriffon und den Cavalier-King-Charles-Spaniel. Für den Cavalier werden folgende Ergebnisse genannt:
Waren beide Elternteile SM-frei-gescannt, waren auch 70% der Nachkommen SM-frei.
Die Verpaarung eines SM-freien mit einem SM-betroffenen Hund brachte nur zu 23% SM-freie Nachkommen.
Wie zu erwarten, hatten Eltern, die beide SM betroffen sind, mit nur 8% den geringsten Anteil an SM-freien Nachkommen.

Die Zahlen machen aus meiner Sicht mehr als deutlich, dass MRT-Untersuchungen in der Cavalierzucht unverzichtbar sind.

Dass die beiden verfügbaren Genteste (CCDE und EFS) ohne jede Ausnahme zu nutzen sind und eine Verpaarung von Anlagenträgern damit grundsätzlich ausgeschlossen wird, sollte eine Selbstverständlichkeit sein, die eigentlich nicht weiter erwähnt zu werden braucht.

Was wird getan?

Die Internetseiten der drei deutschen Cavaliervereine im VDH informieren über die verschiedenen Erkrankungen.
Während ICC und VK in der jüngsten Zeit keine geänderten Zuchtvorgaben veröffentlicht haben, hat der CCD neue "Zuchtstufen" eingeführt.

Dieser Verein schreibt auch sehr ausführlich über SM-Symptome, sinnvolles Vorgehen bei bestehendem Verdacht, über Behandlungsmöglichkeiten (incl. Schema von Dr. Rusbridge) und nennt Adressen für MRT-Untersuchungen. In Kooperation mit dem Verein bieten Dr. König und Dr. Deutschland in Berlin für Zuchthunde Untersuchungen zu besonderen Konditionen an.

Als neue Zuchtstufen werden die "Standardzucht", die "Körzucht" und die "Premium-Körzucht" genannt. Neben Anforderungen an die besondere Erfüllung des Standards (Ausstellungserfolge) für die Kör-und Premium-Körzucht werden folgende Untersuchungen der Zuchthunde gefordert:
Bei Eltern von Welpen der Standardstufe reichen eine Patella-und auskultatorische Herzuntersuchung aus.
Für die Eltern von Körzucht-Welpen wird zusätzlich eine Herzdoppler-Untersuchung gefordert.
Premium-Körzucht-Papiere erhalten Welpen, wenn von ihren mindestens 2,5 Jahre alten Eltern sowohl Herz-Doppler- als auch MRT-Scan-Untersuchungen vorliegen http://www.ccd-cavaliere.de/zucht-zo-zzp.html.

Erstmals bestätigt ein deutscher Cavalierclub somit offiziell die Wichtigkeit zusätzlicher Gesundheitsvorsorge, die sowohl Herzdoppler und MRT-Scan beinhaltet als auch das Mindestalter von 2,5 Jahren für den ersten Zuchteinsatz erfordert.
Damit ist für die Cavalierzucht in Deutschland - in Übereinstimmung mit den Empfehlungen von Experten wie Dr. C. Rusbridge und anderen - ein Maßstab gesetzt, an dem ab sofort alle deutschen Cavalier-Züchter zu messen sind.

Den Cavalierinteressenten sollte dies bei der Züchter- und Welpensuche als Orientierungs- und Entscheidungshilfe dienen.
Engagierte Züchter, die zum Wohle der Cavaliere ohnehin mehr leisten als ihre Vereine ihnen vorschreiben, können es jetzt - zumindest im CCD - durch besondere Ahnentafeln ihrer Welpen dokumentieren.

Auch wenn damit "ein Anfang" gemacht wurde, bleibt Unverständnis und die Frage, wie bei der Zucht einer belasteten Hunderasse eine Gesundheitsvorsorge "in Stufen" zu begründen bzw. zu rechtfertigen sein könnte. Für den Cavalierliebhaber ist enttäuschend, dass die Konsequenz fehlte, die wichtigen Gesundheitsvorgaben als "Pflicht für alle ohne Ausnahme!" in die Zuchtordnung aufzunehmen.

Welcher Hundefreund soll verstehen, dass in den drei dem VDH angeschlossenen Cavaliervereinen und sogar innerhalb eines Vereins keine einheitlichen "Gesundheitspflichten" gelten?

Zudem hinterlässt es einen äußerst schalen Nachgeschmack, wenn zu leistende Gesundheitsvorsorge auch nur ansatzweise an Schönheit "gekoppelt" wird und bei der Zucht mit "normal-schönen" Hunden (ohne Ausstellungserfolg) der minimalste Untersuchungsumfang gefordert wird.

Für Cavalierfreunde ist wichtig, dass ihr Hund gesund ist, Schönheit in den Augen irgendeines Ausstellungsrichters dürfte für sie eine geringere und für den Cavalier selber wohl gar keine Rolle spielen.

Cavalierliebhaber

Die Frage nach den Untersuchungen der Zuchthunde darf für Welpeninteressenten kein Tabu-Thema sein, weil die Verantwortung eines Hundehalters für das neue Familienmitglied nicht erst beim Einzug, sondern bereits bei der Auswahl seines Welpen beginnt.
 
Cavalierinteressenten müssen darauf achten, dass die Eltern ihres potentiellen Welpen genau SO untersucht wurden wie die Eltern eines "Premium-Welpen" und dass die beiden Gen-Teste (EFS und CCDE) eingesetzt wurden.
Auch wenn Gesundheit damit immer noch nicht garantiert werden kann, ist zumindest das Risiko für die besonders verbreiteten schweren Erbkrankheiten - soweit derzeit möglich - verringert.

Mit anderen Worten: Cavalierfreunde können und müssen ihren Beitrag leisten, die Zucht gesunder Cavaliere gemeinsam mit den engagierten und freiwillig "mehr" leistenden Züchtern zu fördern, indem sie beim Kontakt mit Züchtern keinen Zweifel daran lassen, dass nur bei Nachweis aller wichtigen Untersuchungen überhaupt ein Kaufinteresse besteht!

Verantwortung

Wenn in der Hundezucht mit "strengen Auflagen" und "kontrollierter Zucht" geworben wird, wenn mit dem Qualitätsanspruch angetreten wird, eine Rasse pflegen, erhalten und verbessern zu wollen, sollten sich die hohen Gesundheitsanforderungen doch auch in den Pflicht(!)-Untersuchungen einer Zuchtordnung widerspiegeln. Die Pflicht zur optimalen Gesundheitsvorsorge muss doch - im wahrsten Sinne des Wortes! - Standard einer jeden Zuchtordnung sein!

In der Hundezucht darf einfach keine Möglichkeit ungenutzt bleiben, um das Risiko schwerer Erkrankungen zu minimieren und um allen Welpen eine bestmögliche Basis für ein langes und schmerzfreies Leben zu schaffen.

Bei Hunderassen, die von mehreren schwerwiegenden Erbkrankheiten betroffen sind, nimmt zwangsläufig der Umfang der erforderlichen Untersuchungen und Vorsorgemaßnahmen zu. Je mehr Merkmale bei einer Selektion zu beachten sind, desto wichtiger ist die Zusammenarbeit von Züchtern, Genetikern und Veterinären, um nicht noch neue und zusätzliche Probleme für die Gesundheit der Hunde zu schaffen. Für diese Zusammenarbeit ist es sicher unabdingbar, dass der Expertenrat auch bezüglich Umfang und Durchführungsweise der Gesundheitsvorsorge beachtet wird.

Dieser Aufwand muss in vollem Umfang betrieben werden, wenn wir unserer Verantwortung gegenüber den Hunden noch gerecht werden wollen, wenn die Zucht von Rassehunden noch zu rechtfertigen und mit unserer Liebe zu Hunden vereinbar sein soll.
Dafür brauchen wir gar keine Begriffe wie Ethik und Moral zu bemühen, da sollte es ausreichen, unser Gewissen zu prüfen und dabei unseren Hunden in die Augen zu sehen.

Ganz im Sinne des "Dortmunder Appells: Für eine Wende in der Hundezucht" soll dies Appell und Bitte sein, alles zu unternehmen, um die drohende Katastrophe und unsägliches Leid von Cavalieren zu verhindern.


Elke Grabhorn, Düsseldorf im Januar 2012
-www.ckc-spaniel.de / info@ckc-spaniel.de-

 

*Mein Textbeitrag für den Petwatch-Blog Januar 2012 (Teil 1 und Teil 2)


Kommentar schreiben

Kommentare: 0

  • loading