Krankheit
Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Gesundheit nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen, sondern ein Zustand des körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Als Krankheit wird allgemein das Vorhandensein von Symptomen und von Befunden angesehen, die von der "Norm" abweichen.
Bei den gesetzlichen Krankenversicherungen wird der Begriff "Krankheit" enger definiert und setzt "nur" voraus, dass ein körperlicher und/oder seelischer Zustand einer medizinischen Behandlung bedarf.
Auch für einen Hund darf man wohl voraussetzen, dass ein "Keine-Schmerzen-Haben" allein nicht ausreicht. Die Verantwortung des Menschen erstreckt sich also nicht nur darauf, bei Zucht, Haltung, Pflege, Ernährung usw. dafür zu sorgen, dass der Hund die anatomischen und physiologischen Voraussetzungen für ein schmerzfreies Leben mitbringt. Die Aufgabe des Menschen ist es, darüber hinaus dafür zu sorgen, dass alle körperlichen Voraussetzungen und Haltungsbedingen so gegeben sind, dass der Hund auch tatsächlich ein artgemäßes Leben führen kann.
Neben der Verantwortung, die dem Hundehalter obliegt sobald er einen Hund in sein Leben aufnimmt, hat der Züchter die ganz große Verpflichtung, durch Zuchtplanung, Gesundheitsvorsorge, Aufzucht und Sozialisation die erforderliche Basis für ein gesundes und hoffentlich auch glückliches Leben der Hunde zu schaffen.
Ich komme auf diese Gedanken, weil ich mich gestern mit einer traurigen Veröffentlichung von C. Rusbride beschäftigt habe. Sie berichtet darüber, dass MRT-Untersuchungen klinisch unauffälliger Cavaliere bei 70% der 6 Jahre und älteren Hunde den Befund Syringomyelie ergeben haben.
Vor einiger Zeit hatte ich im Mailkontakt mit einer Züchterin - es ging um SM-Zuchtuntersuchungen und Angaben zum prozentualen Anteil "SM-kranker" Cavaliere - darüber nachgedacht, WANN ein Hund als "krank" anzusehen ist.
Ist ein Cavalier SM-krank, sobald MRT-Aufnahmen die typischen Besonderheiten und Merkmale aufweisen oder gilt er trotz "SM-Befund im MRT" als gesund, wenn er keine klinischen Symptome
zeigt?
Hat jeder Hundehalter die Erfahrung, Sensibilität und Beobachtungsgabe um auch ganz subtile Symtome und Schmerzzeichen bei seinem Hund zu erkennen? Sind überhaupt die möglichen Anzeichen, die
beim Cavalier auf eine SM-Erkrankung hindeuten können, allen Cavalierhaltern bekannt? Sind alle Cavaliere in ihren Schmerzäußerungen so offen, dass sie Unwohlsein auch nach außen zeigen oder
leiden sie lange Zeit und bis zu einem hohen Schmerzgrad ganz still und für sich allein?
Die Fragen ergaben sich für mich in der Diskussion mit einer - besonders auch in Gesundheitsfragen - sehr engagierten Cavalierzüchterin, gehen aber an dem eigentlichen Thema unseres Gedankenaustausches vorbei.
Hier ging es darum, dass mit der Prozentangabe zum Anteil SM-kranker Hunde innerhalb der deutschen Cavalier-Population eine Schätzung darüber abgegen wird, wie viele deutsche Cavaliere klinische SM-Zeichen zeigen. Für den "normalen Liebhaber" ist nur wichtig, dass es seinem Hund gut geht und er keine Schmerzen hat, bei einem Zuchthund stellt sich dagegen ein anderes Problem dar. Hier ist es aus Sicht der Fachleute unverzichtbar, durch MRT-Untersuchungen zu erfahren ob ein Hund betroffen ist oder nicht. Die Planung möglichst risikoarmer Verpaarungen setzt nach den Empfehlungen der Experten voraus, dass bei betroffenen Hunden der Grad des Befundes bekannt ist.
Ich halte es - um wieder auf die Eingangsfrage "Gesundheit/Krankheit" zurück zu kommen - für sehr wichtig, dass man sich der og. Definition bewusst bleibt. Es besteht sonst die Gefahr, dass Zuchtmaßnahmen sich nicht daran orientieren, ob Krankheiten/Merkmale auftreten, die Schmerzen bereiten können, irgendwann auch ein artgemässes Leben ausschließen oder die Lebenszeit verkürzen, sondern nur noch davon abhängig gemacht werden, ob diese Krankheiten behandelbar sind. Fortschritte in Pharmaforschung und Medizin, die Symptome vermindern, beherrschbar machen oder gar Schmerzfeiheit erzielen, dürfen jedoch keine Zuchtprogramme ersetzen.