Charly
*14.09.1989 +07.11.2000
Charly war der erste Hund, der nicht "nur" ein Familienhund, sondern MEIN Hund war, und den ich als Erwachsene zu mir genommen habe.
Damals konnte man noch Hunde in Kaufhäusern und Zoogeschäften kaufen. Vorher gab es Zeiten, in denen - noch trauriger und schrecklicher- Hundewelpen per Versandhauskatalog bestellt werden konnten.
Ich habe Charly in einem Hundesalon gesehen, in dem auch Welpen verschiedenster Rassen zum Kauf angeboten wurden.
Vorher wäre ich nie auf die Idee gekommen, auf diese Weise einen Hund zu mir zu nehmen, schließlich kannte ich aus meiner Kindheit, welchen Wert meine Eltern darauf gelegt haben, dass unsere neuen Familienmitglieder Hunde von verantwortungsvollen und guten Züchtern waren.
Ich bin damals auf meinem Weg zur Arbeit täglich an dem Laden vorbeigekommen und habe die kleinen Dackel-, Pudel-, Shi-Tsu und auch Cocker-Welpen gesehen, die während der Geschäftszeiten in einem großen, nach oben und zur Schaufensterscheibe offenen Käfig "lebten".
Charly war nicht einfach ein süßer oder niedlicher, sondern ein unglaublich schöner Welpe mit glänzendem schwarzen Fell und Knopfaugen, die einen unsagbar lieben Ausdruck hatten.
Ich kann nicht sagen, wie lange Charly dort zum Verkauf angeboten wurde...
irgendwann hatte ich ihn entdeckt.
Zwei Wochen lang habe ich jeden Tag vor dem Schaufenster gestanden, habe gesehen wie andere Welpen verschwunden und neue, viel kleinere "nachgerückt" waren.
Über Weihnachten und Sylvester habe ich ständig an den Kleinen gedacht und hatte Angst bei dem Gedanken, was mit ihm passieren würde, wenn keiner ihn haben will und er zu groß wird, um als Welpe angeboten zu werden :-(.
Am 2. Januar 1990 bin ich in den Laden und habe meinen Charly "gekauft".
Ich glaube, die Verkäufer waren erleichtert und haben Charly zum Abschied eine kleine gelbe Plastikgiraffe geschenkt, die sein Lieblingsspielzeug war und in den ersten Wochen bei mir auch geblieben ist.
An diesem Tag habe ich etwas getan, was ich nie wieder tun werde.
Ich habe durch diesen Kauf einen Hundehandel unterstützt, bei dem ich mir nicht vorstellen möchte, unter welchen Bedingungen seine Eltern gehalten wurden.
Ich bin, wovor heute überall gewarnt wird, auf eine geschickte Verkaufsstrategie, die auf Mitleid abzielt, eingegangen.
Ich habe in dem Laden Platz geschafft für einen neuen Welpen, der unter dubiosen Bedingungen produziert wurde.
Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, in welchem Alter Charly von seiner Mutter und seinen Geschwistern getrennt worden ist und ob er - was damals noch erlaubt war - in einem Pappkarton als Speditionsgut per Bahn seine lange Reise vom Züchter in das Schaufenster angetreten hat.Dieser Kauf war ein ganz großer Fehler, aber Charly selber war für mich nie ein Fehler, er war 11 Jahre lang der wundervollste Hund und ein ganz großer Freund für mich.
Wenn ich mir heute Gedanken über Prägung und Sozialisierung von Welpen mache, wenn ich hohe Anforderungen an den Züchter und sein kluges und verantwortungsvolles Handeln stelle.... Es ist kaum zu verstehen, dass Charly trotz des schweren und traurigen Starts zu einem so charakterstarken, gutmütigen, verlässlichen und souveränen Hund herangewachsen ist.
Mit Charly habe ich die einzige Stunde in einer damals "normalen" Hundeschule absolviert.Seine einzig wirkliche Macke war das gnadenlose Leinenziehen. Es war wirklich eine Katastrophe und er - ein stattlicher Rüde von 45cm Schulterhöhe und fast 20kg Gewicht - war für mich wirklich manchmal kaum zu halten.Bei dieser Schulstunde wurde uns zuerst empfohlen, ein Stachelhalsband einzusetzen. Außerdem sollte ein kräftiger Leinenruck am Halsband dabei helfen, Charly klar zu machen, dass er "anständig" neben mir zu laufen hat.Charly und ich haben uns - nicht nur in dieser Situation - ohne Worte verstanden, wir waren uns einig, das ist nichts für uns, da gehen wir nie wieder hin.
Wenn ich mir Bilder von Charly ansehe und seinen wunderschönen Cockerkopf mit den Fotos heutiger Cocker vergleiche, dann wird mir klar, wie sehr sich in knapp 20 Jahren das Aussehen einer Rasse verändern kann. Viele der heutigen Cocker haben einen viel tieferen Ansatz der Ohren, was ihnen - für mich überdeutlich - einen ganz anderen Gesichtsausddruck verleiht und nicht mehr dem Bild entspricht, das ich von den Cockern meiner Kindheit habe.
Auch wenn Charly leider mit 11 Jahren nicht sehr alt geworden ist, habe ich mit ihm das erlebt, was viele Hundemenschen meinen, wenn sie von der einzigartigen Verbundenheit mit alten Hunden sprechen, bei der alles klar ist, nichts mehr ... was mit Worten geregelt werden müsste. Als Charly starb, war es als ob ein ganz naher Mensch mich für immer verlassen hat. Ich glaube, nur Hunde-Menschen können diese Traurigkeit verstehen, die man empfindet, wenn man sich von einem Hunde-Freund verabschieden muss.







