Autobahngrab
© Rena V. Gellert Molly
Ich möchte Ihnen von meinem Großvater erzählen. Keine Sorge, es geht nicht um irgendwelche Familienthemen, ich bleibe beim Thema Hund. Aber ich brauche eine längere Einleitung.
Mein Großvater ist 1902 geboren. Er war ein sehr gebildeter und intelligenter Mann. Ein Mann, der in der Schule mehrere Klassen überspringen und sich bereits mit knapp 22 Jahren "Dr. phil." nennen durfte.
Wie viele extrem intelligente Menschen war er im Umgang mit seinen Mitmenschen nicht einfach. Er war sehr kritisch, oft zynisch und mit seinen Zeitgenossen eigentlich nie ganz einverstanden und zufrieden. Für meine Mutter und ihre drei Geschwister war er ein sehr strenger Vater, es war ihr und ihren Geschwistern nahezu unmöglich, seinen hohen Anforderungen gerecht zu werden.
Aber eines zeichnete ihn aus, er war ein absoluter "Hundemensch". Meine Mutter sagt, dass sie als Kind manchmal sogar seine Jagdhunde beneidet hat. Übrigens haben in der Kindheit meiner Mutter Hunde eine große Rolle gespielt, darum hat sie wohl ihren Cavalier "Musensohn" nach dem letzten Jagdhund ihres Großvaters "Rap" genannt.
Dem Umstand dieser recht harten Kindheit meiner Mutter verdanken meine Geschwister und ich, dass sie es anders machen wollte, und wir eine Traumjugend mit viel Wärme, Verständnis und großer Geborgenheit erleben konnten und jeder sich frei entwickeln durfte.
Ohne Murren haben meine Eltern z. B. akzeptiert, dass ich nach 6 Semestern mein Germanistik- und Anglistik-Studium abgebrochen und einen Beruf in der Medizin erlernt habe.
Ich hatte das Privileg, das "Lieblings-Enkelkind" meiner Großeltern zu sein. Was Eltern und Hundehalter nicht dürfen, Großeltern können ihre Lieblinge haben und das auch sagen.
Ich habe häufig Schulferien bei meinen Großeltern verbracht, meinen Großvater so erlebt wie meine Mutter ihn sich wohl immer gewünscht hätte. Und ich habe erlebt wie mein Großvater mit seinem Cocker "Treff" umgegangen ist. Er war streng und gerecht, und Treff hat ihn vergöttert.
Als mein Großvater schon über 80 Jahre alt war, ist der alte Treff weggelaufen. Treff muss die Orientierung verloren haben und kam nicht wieder zurück. Es wurden große Suchaktionen gestartet und als mein Großvater eine Anzeige in der Zeitung aufgeben wollte, hörte er zufällig, dass an der Autobahn ein Hund überfahren und von der Autobahnpolizei im Grünstreifen neben der Autobahn begraben worden war.
Mein Großvater ist sofort hin gefahren, hat die Polizisten "bestochen" und den Hund ausgraben lassen.
Er hat seinen Treff mitgenommen und Zuhause im Garten beerdigt.
Als ich meinen Großvater darauf angesprochen habe, hat er nur gesagt "Kein Hund hat es verdient, neben der Autobahn begraben zu werden."