Tierschutzgesetz
Qualzucht
Von Christoph Jung
Redebeitrag zum:Expertengespräch Qualzuchten am 02.07.2010 bei der Fraktion
Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag
"Qualzuchten bei Hunden
- Welche konkreten Probleme gibt es und wie können wir diese lösen?"
Wenn wir an Qualzuchten bei Hunden denken, so kommt man unwillkürlich auf den Mops, der kaum Atmen kann, den Nackthund, dessen Haut vor der Sonne geschützt werden muss oder den Kommodor, dessen Flokati-Teppich als Fell ihn kaum sehen und erst recht nicht bei Hitze oder Regen in die Natur gehen lässt.
Das sind sichtbare Erscheinungen von Qualzucht. Jedoch stehen die verborgenen Folgen der Fehlentwicklungen in der Hundezucht solchen leicht erkennbaren Qualzuchtmerkmalen kaum nach.
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Qualzucht als Folge von Extremzucht
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Qualzucht als Folge des Hundehandels und einer nicht regulierten Hundezucht
- Qualzucht als Folge kurzsichtiger und nicht am Wohl der Tiere orientierter Hundezucht
zu 1.)
Qualzucht als Folge von Extremzucht
Hier finden wir die augenscheinlichen und teils bekannten Merkmale von Qualzucht..
Wir sehen die o.a.Rassen, die Ridgebacks, Bulldoggen oder den Deutschen Schäferhund.Die Zucht auf extreme, angeblich rassetypische Merkmale führt zu über kurzen Schnauzen und in deren Folgen zu extremer Kurzatmigkeit und in deren Folge wiederum zu schweren Herzerkrankungen.
Das wird nicht selten vom offiziellen Standard verlangt, wenn beim Mops die Kopfform "rund"verlangt wird. Hier wird Qualzucht bereits im Standard angelegt, worauf auch der international anerkannte Spezialist beim Thema Brachyzephalie Professor Oechtering in Leipzig hinweist.
Wer als Mensch unter Asthma leidet, kann erahnen, welche Ängste diese so lieben, dem Menschen zugewandten Plattnasen mit ihrer chronischen Erstickungsnot ertragen müssen. Atemnot kannte der Mops über hunderte Jahre nicht. Dieses Grauen hat ihm erst die Zucht im vermeindlich tierschutzbedachten Europa der letzten Jahrzehnte gebracht.
Wir sehen die froschartig abfallende Rückenlinie des Deutschen Schäferhundes, die das ganze Skelett wider die Natur deformiert. Wir sehen hier die Zucht auf Farb-Anomalien wie Merle, die mit erhöhten Risiken zu Erbkrankheiten wie Taubheit, Blindheit und anderen Schädigungen einher geht.
Wir sehen extreme Verformungen des Fells mit überlangem, üppigem Haarwuchs und Faltenbildungen,die eine lebenslange Plage für die Hunde darstellen. Man muss zur Kenntnisnehmen,dass die Errungenschaften der modernen Tiermedizin zuweilen auch zur Machbarkeit von immer extremeren Deformationen missbraucht werden.
Die übergroßen Köpfe der Bulldoggen würden ohne die Hilfe der Veterinäre gar nicht erst lebend zur Welt kommen.Die Farbvarianten be iMerle oder die aktuell stark in Mode gekommenen Reduktionsfarben würden ohne Gentests viel zu häufig zum Ausbruch der Erbkrankheiten und damit wirtschaftlichen Totalschäden führen.
zu 2.)
Qualzucht als Folge des Hundehandels und einer nicht regulierten Hundezucht
Im Zuge der Erweiterung der EU ist der Hundehandel zu neuer Blüte gelangt. Unter elenden Bedingungen werden Rassehündinnen gehalten und als Zuchtmaschinen missbraucht.
Die gefallenen Welpen werden regelmäßig der Mutter zu früh weggenommen, um die Welpen möglichst frisch und lange im vermarktungsfähigen Alter in Ländern wie Deutschland oder Spanien anbieten zu können. Die Welpen erleben so ihre wichtigste Prägungsphase im Laderaum eines Transporters oder in der Badewanne des Zwischenhändlers.
Nahrung und medizinische Versorgung erfüllen kaum Mindeststandards .Der Tod vieler Welpen ist bereits eingepreist.
Diejenigen, die körperlich überleben,sind psychisch traumatisiert und für ihr Leben geprägt. Solche Hunde haben kaum eine Chance auf Sozialisation und damit ein stressfreies Leben in unserer Gesellschaft.
Nicht verkaufte Welpen werden ertränkt oder später als Nothunde immer noch gewinnbringend vermarktet.
Viele dieser in Hundefabriken produzierten Welpen landen bei hiesigen Züchtern, die damit ihre eigenen Würfe aufstocken. So wird aus einem Wurf mit real 6 gefallenen Welpen leicht die doppelte Anzahl vermarktet. Bei teuren Rassen sind zusätzliche Gewinne von 1.000Euro pro Welpen keine Ausnahme.Fast risikolos können attraktive Beträge erwirtschaftet werden,natürlich unversteuert.
In Deutschland kann jeder eine Hundezucht aufmachen, ja sogar Hundezuchtvereine gründen. Diese dürfen dann ganz legal sogenannte Papiere ausstellen, Pokale vergeben und Champions küren.
Ich kenne in Deutschland alleine 72 Verbände, die sich als nationaler oder internationaler Dachverband der Hundezucht ansprechen lassen. Ein für den Welpenkäufer undurchschaubarer Markt. Neben mangelnder Fachkenntnis zulasten der Hunde erzeugt diese vom Gesetzgeber völlig unregulierte Hundezucht einen Tummelplatz für Schwarzarbeit, unseriöse Geschäfte bis hin zu den Mafia-ähnlichen Strukturen des Hundehandels.
Man sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Hundezuchteiner der Wirtschaftsbereiche in Deutschland ist, der am intensivsten von Schwarzarbeit betroffen ist. Allein die offiziell gehandelten Welpen haben ein Volumen von knapp 400 Millionen Euro im Jahr (Ohr/Zeddies 2006). Alleine im Schäferhund Verein im VDH gibt es nicht weniger als 10 Züchter,die über mehr als 20 Jahre hinweg jährliche Umsätze von im Durchschnitt 200.000 Euro erwirtschaften.Das Ganze läuft aber offiziell als nicht kommerzielle Zucht"lediglich aus Gründen der Liebhaberei"(Statuten FCI, VDH). Diese ökonomische und fiskalische Grauzone erzeugt zugleich eine Grauzone des Tierschutzes, sie erzeugt regelmäßig Quälerei für die Hunde in körperlicher wie mentaler Hinsicht, die als ein System von Qualzucht bezeichnet werden muss.
Kommen wir zum dritten Bereich der Qualzucht;
Qualzucht als Folge kurzsichtiger und nicht am Wohl der Tiere orientierter Hundezucht.
Bei den CavalierKing Charles Spaniels, zählt die 1:10-Regel. Hier geht es nicht um Fußballtore,vielmehr um den Anteil der erblich bedingt herzkranken Tiere in der Population. 1:10 meint, dass nach dem 1. Lebensjahr 10% aller Hunde herzkrank sind, nach dem 2.Lebensjahr 20% und so weiter. Diese Hunderasse ist zudem noch von zahlreichen weiteren Erbkrankheiten betroffen. Wirklich gesunde Tiere sind selten geworden.
So teilt einer der Zuchtvereine für Cavalier King Charles Spaniels im VDH (ICC) seine Zuchthunde bereits ganz offiziell in 3 Kategorien ein, der Elite-, Kör- und Standard-Zucht.Nur die erste Kategorie meint letztlich gesunde Hunde. Und das ist nur noch ein ganz kleiner Anteil. Die breite Masse der Zuchthunde ist ganz offiziell Träger meist mehrerer zuchtbedingter Erbkrankheiten mit wiederum meist tödlichem Ausgang. Die kleinen Hunde haben eine Lebenserwartung von nur noch 10 Jahren, das ist mehr als ein Drittel weniger als bei vergleichbaren halbwegs gesunden Rassen. Solange die Krankheiten nicht manifest werden, sind diese Hunde augenscheinlich kerngesund und niemand würde hier an Qualzucht denken.
Ein Kernproblem der Rassehundezucht ist die auch heute noch verbreitete Inzucht.
Durch Inzucht lassen sich relativ einfach uniforme, standardisierte Exemplare für den Markt produzieren. Auch erlaubt die Akzeptanz von Inzucht den massenhaften Einsatz von Champion-Rüden und damit dessen gewinnbringende Vermarktung.
Schließlich schützen so die Vereine wie ein Kartell ihre Zucht vor Hunden derselben Rasse. Inzucht ist jedoch ein die Gesundheit und Vitalität einer Population zerstörender Prozess, was heute unter Biologen unstrittig ist. In der Hundezucht wird sie aber weiter in großem Stil praktiziert.
So hat man in einer gerade veröffentlichten, weltweiten Untersuchung beim Toller, einer mit dem Labrador eng verwandten Retriever-Rasse aus Kanada, festgestellt, dass die Inzucht bereits so weit fortgeschritten ist, dass jeder Toller weltweit genetisch enger verwandt ist, als es Vollgeschwister untereinander sind.
Der Vorsitzende des Toller-Clubs im VDH, Alexander Däuber, hat festgestellt, dass eine weitere Zucht innerhalb dieser Population nur als Qualzucht bezeichnet werden kann und daher einen Antrag beim VDH auf Einkreuzungen gestellt.
Auch bei dem Toller sieht man dieses Problem der Inzucht dem einzelnen Hund nicht unbedingt an.
Lassen Sie mich noch ein letztes Beispiel anführen, das still und leise den Charakter von Qualzucht hat, massenhaft vorkommt, aber nur selten Gegenstand der Diskussion ist.
Die Fortpflanzung der Rassehunde.
Es ist kaum denkbar angesichts der großen Fertilität der Hunde weltweit, dass unsere Rassehunde hier und heute enorme Reproduktionsprobleme haben. Durch die Fehlentwicklungen in der Rassehundezucht verlieren Rüden ihre Decklust oder Deckfähigkeit.
Hündinnen beißen die von den Züchtern ausgesuchten Rüden immer häufiger weg. Sie werden dann regelmäßig vergewaltigt, angefangen vom Maulkorb, der angebunden wird, damit sie den ungewollten Rüden nicht mehr weg beißen, bis hin zu sogenannten Mating Cradles, das sind regelrechte Vergewaltigungsmaschinen, ind enen die Hündinnen festgeschnallt werden, um dann bewegungsunfähig begattet zu werden.
Der natürliche Paarungsinstinkt der Hunde wird, soweit überhaupt noch vorhanden, in der Rassehundezucht regelmäßig missachtet.
Es geht um viel Geld, das nicht gefährdet sein soll, wenn erst einmal der Handel über Decktaxe und Welpenpreise der Champion-Abkömmlinge geschlossen wurde.
Inzwischen hat die Tiermedizin ein eigenes Spezialgebiet "Reproduktionsmedizin in der Hundezucht" entwickelt. Die künstliche Befruchtung hat breiten Einzug in der Hundezucht gefunden.
Die Hündinnen werden zu Gebärmaschinen degradiert.
Immer häufiger wird die Entbindung zu dem per Kaiserschnitt vorgenommen. Da die Instinkte der Mütter zur Aufzucht der Jungen nicht selten ebenfalls geschädigt sind, werden die Welpen quasi im Brutkasten künstlich aufgezogen. Zudem erlaubt diese Praxis der Reproduktionsmedizin, dass man immer extremere Hundevarianten produzieren kann, die auf natürlichem Wege nie eine Überlebenschance gehabt hätten.
Der komplette Reproduktionszyklus ist zu einem künstlichen, veterinärmedizinischen Vorgang denaturiert worden – glücklicherweise noch nicht flächendeckend.
Die Degeneration in der Hundezucht erreicht neue Abgründe. Und diese betreffen leider nicht nur einzelne Rassen. Mir liegen belastbare Berichte von mehr als 80 anerkannten Hunderassen vor, die mit eklatanten Missständen zu kämpfen haben.
Der Dortmunder Appell ruft daher zu einer Wende in der Hundezucht auf. Noch ist diese Wende möglich.
Eine solche Wende kann aber nicht das Verbot einzelner Rassen meinen, denn dann müsste man etliche Rassen verbieten und hätte am Schluss doch nichts erreicht.
Der Wahnsinn ginge nur bei anderen Rassen oder mit neu kreierten Rassen unvermindert weiter.
Zum einen bedarf es einer juristisch wirklich praxistauglichen Definition des Tatbestandes der Qualzucht.
Die fachliche Definition von Qualzucht ist durch das Gutachten von1999 auch heute noch zutreffend erfolgt. Es bedarf hier lediglich einer Überarbeitung im Konkreten und Erweiterung im hier angeregten Sinne.
Meiner Überzeugung nach kann eine Wende im Sinne des Tierschutzes nur durch eine Regulierung der Hundezucht erreicht werden.
Letztlich müssen die seriösen, am Wohl ihrer Tiere interessierten Hundezüchter gefördert und vor der Übermacht der nationalen und internationalen Vermehrer geschützt werden. In Großbritannien haben der Kennel Club wie auch der Parlamentsausschuss für Tierschutz einen Maßnahmenkatalog vorgestellt, der sehr vielversprechend ist.
Vielleicht sollte man sich auch hieran orientieren.
Wesentliche Maßnahmen für den Tierschutz in der Hundezucht wären - neben einem praxistauglichen Qualzucht-Tatbestand -kurz zusammengefasst folgende:
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Verbot des Handels mit Welpen
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Mindeststandards für die Zulassung als Züchter sowie als Zuchtverein
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Mindeststandards für die Zulassung der Hunde zur Zucht
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eine unabhängige Kontrolle hierüber
- Einführung eines Screenings wie es in Finnland oder Schweden seit Jahren üblich ist. Über jede exotische Echse muss
Buch geführt werden. Bei Hunden hat man noch nicht einmal Zahlen über das erreichte Lebensalter und die Todesursache, obwohl mehr als 90% durch Tierärzte
euthanasiert werden.
- Mindeststandards für den Kauf und Verkauf von Hunden
Unsere Hunde brauchen unseren Schutz und unsere Fürsorge, gerade auch in der Zucht - und sie haben es auch verdient.
Berlin, 02.07.2010
Christoph Jung
Diplom-Psychologe und Biologe
Sprecher des Dortmunder Appells für eine Wende in der Hundezucht
Autor "Schwarzbuch Hund"
mail@Christoph-Jung.com
Dorfplatz7
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