Unsere Stimmen für den Hund

Mein Aufsatz 2

© Rena V. Gellert Frido

 

 

Wie viel Standardschönheit und wie viele Vereinsgrenzen dürfen wir uns leisten?

 

Hundezucht im Wandel der Zeit

 

Viele Laien, die sich genauer über die Zucht von Rassehunden informieren, werden überrascht feststellen, dass es Rassehunde und deren Zucht nach unserem heutigen Verständnis noch gar nicht lange gibt. 

 

Hunde wurden "schon immer" gezielt nach Aussehen, Wesen und besonderen Fähigkeiten gezüchtet. Ob Hunde als Jagdgefährte begleiten, Haus und Hof bewachen sollten, oder sich der Mensch einen treuen Hundekameraden an seiner Seite wünschte, für jeden Zweck und jedes Schönheitsideal konnte der Mensch seinen Hund finden. Es gab immer wieder Moden, die zu Veränderungen des Aussehens führten, aber auch wenn Nachteile bemerkt wurden, nahm sich die Freiheit, durch das Vermischen mit anderen Hundetypen neue Richtungen zu verfolgen.

 

Eine Hundezucht, die sich an niedergeschriebenen Rassestandards orientiert, bei der Hunde in Zuchtbüchern registriert werden, die Zuchtplanung Regeln unterliegt, und das Erreichen des Standards in Ausstellungen bewertet wird, hat erst mit der Etablierung von Hundezuchtvereinen begonnen. Der Britische Kennel Club wurde 1873 gegründet und ist der älteste Hundezuchtverein. Erst seit 136 Jahren also werden Rassestandards definiert, "verfeinert" und Hunde auf die jeweiligen "Idealbilder" ihrer Rasse hin gezüchtet. Jeder Hundeliebhaber kennt viele Bücher, in denen die zahllosen, offiziell anerkannten Hunderassen, ihr Aussehen, ihr Wesen und leider auch zunehmend ihre "rassetypischen Erkrankungen" beschrieben werden. Galt vor ein paar Jahren noch diese oder jene Rasse dank umsichtiger Zuchtplanung und Augenmerk auf ausgeglichenen Körperbau und Gesundheit als unbelastet von rassespezifischen Problemen, wird man in aktuellen Publikationen oft eines besseren belehrt, weil sich inzwischen auch bei solch einer Rasse Probleme eingestellt haben können. 

 

Kritische Stimmen

 

Vor gut einem Jahr sendete die BBC "Pedigree Dogs Exposed", eine Dokumentation über die Rassehundezucht in ihrem Mutter- und Entstehungsland. Der Film zeigt eine traurige Bestandsaufnahme sowohl von einigen Aspekten der Zuchtpraxis als auch von der Gesundheit vieler Rassehunde in Großbritannien. 

In den Ländern, in denen PDE bereits lief, kam es zu aufgeregten und sehr emotionalen Diskussionen zwischen Liebhabern und Züchtern, zu Stellungnahmen und PR-Maßnahmen der Zuchtverbände. Kritiker bedauern, dass Gelder zur Schadensbegrenzung für die Vereine verwendet wurden, statt damit Gesundheitsprogramme für Hunde zu fördern.

In Großbritannien selber wurden durch den Kennel Club Reformen eingeleitet und in den letzten Tagen wurde der Öffentlichkeit der Bericht eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses vorgestellt, der neue Gesetze empfiehlt, um Missständen offiziell zu begegnen.

Die Bilder der Dokumentation sind zum Teil so erschreckend und zeigen so großes Leid, dass einige unserer Hundeliebhaber die Videos im Internet nicht ansehen und ertragen konnten. 

Werden sie ihre Augen auch dann verschließen, falls der Film einmal bei uns im Fernsehen gezeigt wird?

 

Laien kommen auf Genetik-Fragen

 

Ohne sich besonders für Genetik-Fragen zu interessieren, wissen informierte Hundefreunde, was mit Begriffen wie "Genpool", "Engzucht", "Rüdenpatriarchat", "Championkult" und "Popular Sire" gemeint ist. Die Namen einiger Populationsgenetiker sind ihnen genauso bekannt wie die Warnungen, die diese Wissenschaftler seit Langem an die Verantwortlichen in der Hundezucht richten.

Forderungen, eine Begrenzung der Deckeinsätze von Rüden einzuführen, erscheinen für Hundefreunde nur schwer mit dem Hype vieler Züchter und Liebhaber auf Champion-Nachkommen vereinbar. 

Sind mathematische Formeln, mit der der Inzuchtkoeffzient berechnet werden kann, dem Laien zu kompliziert, werden sich zumindest Sätze einprägen, die darauf hinweisen, dass in einer Ahnentafel kein Hundename zweimal auftauchen sollte.

 

Die meisten Hunderassen haben ihre ganz spezielle Fangemeinde von Menschen, für die Hunde - besonders die Vertreter der "eigenen" Rasse - erhaltenswürdig sind. Viele betonen, dass ihnen das Aussehen der Hunde wichtig ist, aber für die meisten Menschen werden Gesundheit und typisches Wesen ihrer Hunde an oberster Stelle stehen. Wurfplanungen sollten diesen Prioritäten Rechnung tragen und Kompromisse oder Risiken sollten, wenn überhaupt, nur bei Äußerlichkeiten eingegangen werden, die für die Gesundheit nicht relevant sind.

 

Wenn schon in Erwägung gezogen wird, die "Blutauffrischung" einer Rasse durch Auskreuzung mit Hunden einer anderen Rasse zu erreichen, viele kennen den "Retro-Mops", warum werden dann Trennungen innerhalb einer gesundheitlich belasteten Rasse aufrecht erhalten? Das Verpaaren von Hunden unterschiedlicher Haarart oder verschiedener Farbschläge ist innerhalb vieler Rassen "verboten". Sei es die Trennung von Kurz-, Rauh- oder Langhaar bei Dackeln, das getrennte Züchten von Einfarbigen und Bunten Cockern oder die unerwünschte Vermischung von Whole- und Party-Colours bei Cavalieren, um nur einige Beispiele zu nennen. Hintergrund dürfte die Sorge vor dem Auftreten "nicht-Standard-gemäßer" äußerer(!) Merkmale wie "Fehlfarben" sein, die doch nicht einmal zur Veränderung des Hundetyps und seines Wesens führen würden. 

 

Vereinsgrenzen und "Standardschönheit"

 

Über Zuchtvereine und -verbände macht sich ein normaler Hundeliebhaber keine Gedanken. Für ihn ist wichtig, einen verantwortungsbewussten Züchter zu finden. Wenn er nicht selber einem Verein beitreten will, wird ihn die Konkurrenz unter den Vereinen ebenso wenig interessieren wie Vereinsspaltungen oder Neugründungen und auch nicht die dahinter zu vermutenden menschlichen Motive. 

Bald wird er aber feststellen, dass die Vereinszugehörigkeit des Züchters entscheidend dafür ist, welche Hunde miteinander zur Zucht eingesetzt werden. Verbandsgrenzen führen dazu, dass Hunde einer Rasse nicht miteinander verpaart werden "dürfen", obwohl dies im Interesse einer breiten Zuchtbasis eigentlich doch wünschenswert sein sollte.  

Als Argument dafür nennen Vereinsmitglieder die unterschiedlichen Vorgaben bei Pflichtuntersuchungen. Doch schon unter dem gemeinsamen Dach eines Verbandes können mehrere Vereine eine Hunderasse betreuen und sich in ihren Anforderungen unterscheiden.  

Rasseliebhaber werden erkennen, dass manche von Wissenschaftlern empfohlenen Untersuchungen in keinem Verein zum Pflichtprogramm gehören. Auch wenn internationale Experten zu einem Mindestalter für Zuchthunde bei einer Rasse raten, um spezielle Erkrankungen vor(!) dem ersten Zuchteinsatz vielleicht auszuschließen und das Risiko für Nachkommen zu minimieren, werden Zuchtordnungen in den verschiedenen Ländern nicht zwingend angepasst.

 

Einem Liebhaber kann es letztendlich egal sein, in welchem Verein "sein" Züchter den Rat der Experten freiwillig(!) befolgt.

 

Häufig werden Champions oder deren Nachkommen als Zuchthunde aus dem Ausland importiert oder machen hier auf einer internationalen "Decktournee" Station. Gründe sind sicher der Wunsch nach berühmten Namen aus dem Ursprungsland der Rasse, Züchter-Eitelkeit und -Ehrgeiz, auch wohl Geschäftsinteresse und der "Championkult" bei Liebhabern.  

Werden dabei dieselben Maßstäbe an den Untersuchungsstandard gelegt wie bei konkurrierenden Vereinen im eigenen Land? Wird auch berücksichtigt, welche Anlagen der Hund vererben kann oder nur das, was er sichtbar auf Ausstellungen präsentiert?

 

"Meine" Hunderasse ist der Cavalier. In seinem Rassestandard werden die äußeren Merkmale und sein typisches Wesen beschrieben. Einige Sätze darin beziehen sich auf die Haarfarbe. Mein Tricolour Jasper hat um die Nase herum ein paar "Freckles" und mein Black-and-Tan Ceddy hat einen weißen Brustlatz. Auf einer Ausstellung gäbe es dafür sicher einen Punktabzug, aber für mich sind die Jungs – genau SO wie sie sind - die Schönsten!  

 

Wie viel Standardschönheit und wie viele Vereinsgrenzen dürfen wir uns leisten, wenn unsere Hunde den Preis für Fehler zahlen müssen?

 

eg, 2009 ©